Aktien zu bewerten bedeutet mehr als nur auf den Kurs zu schauen. Fundamentale Kennzahlen helfen, den inneren Wert eines Unternehmens einzuschätzen und zu erkennen, ob eine Aktie teuer, fair oder günstig bewertet ist. Dieser Guide erklärt die wichtigsten Kennzahlen, wie man sie richtig interpretiert und welche Fallstricke es gibt. Am Ende findest du praktische Tipps und eine Übersicht, mit welchen Tools du die Zahlen schnell und zuverlässig analysieren kannst.
Warum Kennzahlen allein nicht reichen – und warum sie trotzdem unverzichtbar sind
Kennzahlen sind wie ein Kompass: Sie zeigen Richtung, aber sie ersetzen weder Karte noch Erfahrung. Ein niedriges KGV kann auf einen Schnäppchenpreis hindeuten – oder auf ein Unternehmen im Niedergang. Hohe Dividendenrendite klingt verlockend – bis man merkt, dass die Ausschüttung nicht mehr gedeckt ist. Die Kunst liegt darin, Kennzahlen im Kontext zu sehen: Branche, Wachstum, Zinsumfeld, Management-Qualität und makroökonomische Lage spielen alle eine Rolle. Dennoch: Ohne Kennzahlen fehlt die objektive Basis.
Die 10 wichtigsten Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | Formel | Interpretation | Typischer „guter“ Bereich | Branchen-Hinweis |
|---|---|---|---|---|
| Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV / P/E) | Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie | Wie viele Jahre braucht man, um den Kurs über Gewinne zurückzuverdienen? | 10–20 (je nach Branche) | Tech oft 25–50+, Banken/Versicherungen 8–15 |
| Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV / P/B) | Aktienkurs ÷ Buchwert je Aktie | Wie teuer ist das Eigenkapital? | < 1,5 ideal | Finanzwerte oft <1, Tech oft >5 |
| Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV / P/S) | Aktienkurs ÷ Umsatz je Aktie | Wie teuer ist der Umsatz? | < 2 ideal | Wachstumsfirmen oft 5–15 |
| Dividendenrendite | Dividende je Aktie ÷ Aktienkurs × 100 | Wie hoch ist der laufende Ertrag? | 3–6 % nachhaltig | Versorger, Konsumgüter oft hoch, Tech meist niedrig |
| Eigenkapitalrendite (ROE) | Gewinn ÷ Eigenkapital × 100 | Wie effizient wird Eigenkapital eingesetzt? | >15 % gut | Konsum & Tech oft hoch, Banken durch Hebel verzerrt |
| PEG-Ratio | KGV ÷ erwartetes Gewinnwachstum (%) | Berücksichtigt Wachstum beim KGV | < 1 günstig | Nur bei Wachstumsfirmen sinnvoll |
Die Tabelle zeigt die Kern-Kennzahlen mit typischen Richtwerten. Wichtig: Es gibt keine universellen „gut/schlecht“-Grenzen – immer Branchenvergleich und Historie beachten.
Wie man Kennzahlen richtig interpretiert
Einzelne Kennzahlen isoliert zu betrachten ist riskant. Hier die wichtigsten Regeln:
- Branchen- und Peer-Vergleich ist Pflicht: Ein KGV von 12 kann für eine Bank günstig sein, für einen Software-Hersteller hingegen teuer.
- Historische Entwicklung beachten: Sinkt das KGV, weil der Gewinn steigt oder weil der Kurs fällt?
- Forward- vs. Trailing-Kennzahlen: Prognose-KGV (Forward P/E) ist oft aussagekräftiger als vergangene Zahlen.
- Zinsumfeld einbeziehen: In Niedrigzinsphasen sind höhere KGVs normal, in Hochzinsphasen werden niedrige KGVs bevorzugt.
- Absolute vs. relative Bewertung: „Billig“ ist nicht automatisch ein Kauf – ein niedriges KGV kann auch ein Value-Trap sein (Unternehmen im strukturellen Niedergang).
- Kombination mehrerer Kennzahlen: Ein Unternehmen mit niedrigem KGV, hoher ROE, steigendem Free Cash Flow und solider Bilanz ist meist attraktiver als eines mit nur einer „günstigen“ Kennzahl.
Praktische Beispiele (Stand 2026)
Ein kurzer Vergleich dreier Unternehmen zeigt, wie unterschiedlich Kennzahlen ausfallen können:
- VW AG (DAX): KGV ~4–5, KBV ~0,4, Dividendenrendite ~7–8 %. Sehr niedrig bewertet, aber hohe Verschuldung und Abhängigkeit von Verbrennern → klassischer Value-Titel mit Risiko.
- NVIDIA (Nasdaq): KGV Forward ~35–40, PEG ~1,2, ROE >70 %. Hohe Bewertung, aber extremes Wachstum und Marktführerschaft in KI-Chips → typischer Growth-Titel.
- Allianz SE (DAX): KGV ~10–11, Dividendenrendite ~5 %, ROE ~12–14 %. Solide, nachhaltige Dividende, stabile Gewinne → klassischer Dividenden-Aristokrat.
Diese Beispiele zeigen: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ – nur passend zur Strategie (Value, Growth, Dividende) und zur persönlichen Risikobereitschaft.
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Fazit & praktische Tipps
Kennzahlen sind ein mächtiges Werkzeug, aber kein Orakel. Sie helfen, den inneren Wert besser einzuschätzen und emotionale Entscheidungen zu vermeiden. Wer sie richtig einsetzt – also immer im Branchen-, Historien- und Kontextvergleich – kann einen klaren Vorteil haben. Wichtig: Keine Kennzahl allein entscheidet – kombinieren Sie diese mit Fundamentalanalyse, Branchentrends und Management-Qualität.
Risikohinweis: Investieren in Aktien und andere Wertpapiere birgt Risiken und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Die hier genannten Kennzahlen sind keine Anlageberatung. Jede Investitionsentscheidung liegt in Ihrer eigenen Verantwortung. Informieren Sie sich gründlich und ziehe ggf. einen unabhängigen Finanzberater hinzu.
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